War es dir auch schon einmal ganz wichtig, dass du mit deiner Sichtweise, deinen Gefühlen und deinem Empfinden gehört wirst?
Das subjektive Empfinden spielt heutzutage in Deutschland eine immer wichtigere Rolle.
Inhaltsverzeichnis
- die Bedeutung subjektiver Wahrnehmung in aktuellen gesellschaftlichen Debatten
- ein größeres Bild verändert den Blick
- Folgen der immer stärkeren Subjektivierung
- Selbstfindung
- gefangen in psychischer Überforderung
- was der Mensch anbetet: Subjektivität als Götze
- Geistige Subjektivität und Krieg der Narrative
- die Machtdynamik von Täterrollen und Opferrollen: zwei universelle Bewegungen
- Verlust der Institutionenautorität: eine gesellschaftliche Umwälzung
- Radikaler Konstruktivismus und Sozialkonstruktivismus – „Es gibt keine objektive Realität“
- Klarheit finden: Wie wir im Chaos gestalten lernen
- im inneren Raum Platz für das Höhere schaffen
- universelle Werte durchbrechen die Trennung und Fragmentierung
- stabile Identität und klare Orientierung
- gemeinsame Erzählungen der Boden für ein resiliente Gesellschaft
- die Philosophische Antwort auf die Falle des Konstruktivismus
- Beziehungsgräben überwinden – Ein neues Miteinander finden
Dieser Artikel verfolgt einerseits konsequent das Thema der Subjektivität, ihrer Folgen und bietet Vorschläge zum Umgang mit ihr. Andererseits werden verschiedene gesellschaftliche und philosophische Themen aufgegriffen und miteinander in Beziehung gesetzt, ohne dass sie jedoch vertieft behandelt werden. Du kannst die Nebenthemen beiseite lassen, indem du die in kleingeschrieben Absätze überspringt.
die Bedeutung subjektiver Wahrnehmung in aktuellen gesellschaftlichen Debatten
Nehmen wir ein politisches Thema zur Veranschaulichung: die Stadtbild-Diskussion, die von Friedrich Merz im September 2025 losgetreten wurde, in der er behauptet hat, dass es in Deutschland ein Problem mit dem Stadtbild gebe. Gemeint könnte sein, dass es in gewissen Städten zu viele Ausländer gibt die das Stadtbild auf problematische Weise prägen. Man kann sich nun auf einen subjektiven Standpunkt stellen und sagen: „In meiner Wahrnehmung gibt es zu viele ausländisch aussehende Menschen, und das macht mir Angst; ich fühle mich unsicher, unwohl oder nicht mehr heimisch.“ Dagegen ist schwer etwas einzuwenden, da es sich um ein persönliches Empfinden handelt.
Ein möglicher Einwand könnten sein, dass solche Äußerungen problematisch sind, da sie implizieren, dass die dort lebenden Menschen unerwünscht sind und ihr Lebensrecht infrage gestellt wird (wobei das beschriebene Empfinden an sich noch keine solchen Schlussfolgerungen enthält).
Aber gegen das subjektive Empfinden von Heimatverlust, Angst oder Unwohlsein bei der Begegnung mit dem Fremden in der eigenen Lebenswelt ist schwer etwas einzuwenden, oder?
Nehmen wir ein anderes Beispiel: Die Bitte, in bestimmten Kontexten neben dem Namen auch das Pronomen anzugeben, um Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen möchten, die Möglichkeit zu geben, dies sichtbar zu machen. Hier wird auf das subjektive Empfinden von Menschen eingegangen, die sich keinem Geschlecht zuordnen möchten. Diese Menschen empfinden sich selbst nicht ihrem biologischen Geschlecht zugehörig oder als nicht-binär. Wenn das ihr Empfinden ist, kann man wenig einwenden, oder?
Wenn du als Leser jetzt denkst: „Boah, das ist aber nicht miteinander vergleichbar“, dann stimme ich dir zu. Mir geht es hier nicht um das Vergleichen oder Bewerten der beiden Beispiele. Deshalb bitte ich dich, vom Vergleichen loszulassen, um den Punkt zu verstehen, auf den ich hinauswill – ein größeres Bild. Wenn du das nicht kannst, wird die Message des Artikels leider an dir vorbeigehen.
Subjektivität vs. Objektivität: Der Kampf um die Deutungshoheit
In beiden Beispielen wird mit subjektivem Empfinden argumentiert. Je nach politischer Ausrichtung wird die eine Seite akzeptiert, während die andere durch objektive Fakten widerlegt wird. Zum Beispiel: „Die Kriminalität in den Städten ist gesunken“ oder „Biologisch gibt es nur zwei Geschlechter“. Der Kampf besteht darin, dass Subjektivität einerseits akzeptiert und andererseits mit objektiven Perspektiven widersprochen wird, was die politisch kämpfenden Akteure in eine Doppelmoral führt.
Wir haben gesellschaftlich das Tor für subjektive Argumente in den letzten Jahren immer weiter geöffnet, sind allerdings kollektiv mit der damit einhergehenden Komplexität überfordert.
Menschen, die sich mit Modellen der evolutionären Bewusstseinsentwicklung und Entwicklungsebenen beschäftigen, würden behaupten, dass dies Auswirkungen der vertikalen Bewusstseinsentwicklung sind, die wir als Gesellschaft und Individuen vollziehen.
ein größeres Bild verändert den Blick
Wenn wir noch einen weiteren Schritt zurückgehen, klärt sich das Bild weiter. Vergleichen wir unsere heutige Gesellschaft mit der vom späten Mittelalter vor ca. 600 Jahren, so ist bewiesen, dass damals das Individuum aus dem Kollektiv gedacht wurde. Das heißt, in erster Linie wirst du nach deiner dir zugewiesenen Rolle behandelt (vgl. Heimbach-Steins 2022: 156). Die Gesellschaft war in Stände aufgeteilt, ein Standeswechsel war unmöglich. War der Vater Schmied, blieb den Söhnen nur der Beruf des Schmieds, es sei denn, sie wurden Geistliche. Die ständische Gesellschaft wurde durch Tradition, Sitten und Sanktionen aufrechterhalten. Frauen konnten nur Bildung erlangen, wenn sie Nonnen wurden. Hättest du dort mit subjektiven Empfindungen argumentiert, wäre das bestenfalls als guter Witz aufgenommen worden, im schlechtesten Fall als Frevel. Der Einzug der Romantik kennzeichnet im Bereich der Partnerwahl das Aufkommen von Subjektivität als leitendes Motiv.
Ein anderes Beispiel bilden asiatische Kulturen: Hier steht das Kollektiv vor dem Individuum. Menschen in Thailand zum Beispiel können unsere gesellschaftlichen Streitigkeiten nicht gut nachvollziehen; der Lärm, der durch das ganz subjektive Gekabbel und Gejammer entsteht, wirkt so irritierend, dass sie nur verwirrt den Kopf schütteln.
Unsere subjektiven Plänkeleien fühlen sich für uns zwar sehr normal an, sind aber, wenn man den Blick etwas weitet, alles andere als selbstverständlich. Ob das Einbeziehen der subjektiven Befindlichkeiten eine Weiterentwicklung oder eine egozentrische Obsession ist, vermag ich nicht zu sagen. Mit egozentrischer Obsession meine ich, dass sich der Mensch nur noch um sein subjektives Empfinden dreht und alles dafür tut, um Aufmerksamkeit zu bekommen – auch wenn er dafür um eigenes Leid kreisen muss oder seine Mitmenschen mit individuellen und extravaganten Erwartungen piesackt.
Wahrscheinlich ist es, auf eine meinen Geist übersteigende Weise, sowohl eine Weiterentwicklung als auch eine egozentrische Obsession.
Definitionen
An dieser Stelle eine kurze Definition zur Begriffsklärung.
Subjektivität
Subjektivität bezeichnet die persönliche Sichtweise oder Wahrnehmung eines Individuums, die durch dessen Gefühle, Gedanken, Erfahrungen und Perspektiven geprägt ist. Sie ist individuell und variiert von Person zu Person. Beispielsweise das persönliche Empfinden zu unterschiedlichen Musikgenres, Weltsichten oder sozialen Situationen (z. B. Schützenfest, CSD, …).
Objektivität
Objektivität basiert auf allgemein gültigen Fakten, die unabhängig von individuellen Wahrnehmungen sind. Es handelt sich um eine neutrale, sachliche und messbare Sichtweise, die sich meist auf äußeren Phänomenen bezieht, die reproduzierbar sind. Beispielsweise kocht Wasser bei 100 Grad Celsius oder die Schwerkraft zieht Gegenstände zur Erde.
Intersubjektivität
Intersubjektivität beschreibt einen geteilten Erfahrungsraum und eine gewisse Übereinstimmung von Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bedeutungen zwischen mehreren Subjekten. Beispielsweise das Erleben einer Fußballmannschaft oder das Sommermärchen 2006.
Folgen der immer stärkeren Subjektivierung
Selbstfindung
Das Individuum, das nur an seiner Subjektivität orientiert ist, geht nicht selten in dieser Subjektivität verloren. Dies kann mit einem Prozess der Selbstfindung in Verbindung stehen.
Es geschieht ein Abwenden und ein Durchschauen von äußeren Vorgaben, die als nicht passend oder sogar als schädlich empfunden werden. Die Abwendung führt einen in den Zwischenraum der Selbstfindung. Lebensbedingungen, die wenig Verpflichtungen aufweisen, eignen sich für diesen Prozess. Dies ist bei manchen jungen Menschen unserer Zeit zwischen 18 und 30 der Fall. Oft wird viel Zeit damit verbracht, das eigene Verhältnis zur Welt, zu anderen Menschen und zu sich selbst zu finden. Wenn das einmal geklärt ist, geht es oft darum, herauszufinden, was man wirklich tun möchte. Problematisch wird es, wenn man der Frage nach dem eigenen Beruf nur im Kopf und basierend auf dem, was einem momentan Spaß macht, nachgeht. Dabei besteht die Gefahr, sich im Kreis zu drehen, ohne zu berücksichtigen, wonach in der Gesellschaft / im Außen bedarf ist, was man kann und was funktioniert. Eine erfolgreiche Selbstfindung zeichnet sich dadurch aus, dass man sich am Ende gefunden hat und von der Reise Wertvolles mitbringt, mit dem man andere beschenken kann. Auf das Selbstgefundenhaben folgt, in Verantwortung im sozialen Gefüge treten zu können. Mehr dazu im Kapitel „Klarheit finden: …“
gefangen in psychischer Überforderung
Eine andere Folge, die bei manchen Menschen auftreten kann, ist eine kontinuierlich wiederkehrende psychische Überforderung und eine daraus resultierende eingeschränkte Handlungs- und Verantwortungsfähigkeit. In abgeschwächter Form sind die Folgen eine fehlende Belastbarkeit und geringes Durchhaltevermöge.
Ein Grund hierfür kann auf emotionaler Ebene eine starke Identifikation und ausschließliche Orientierung an den eigenen Gefühlen sein. Gefühle haben naturgemäß eine gewisse Instabilität und Volatilität, also starke Schwankungen, wobei die Intensität charakterlich bedingt unterschiedlich ist. Wenn man seine Gefühle als einzige Grundlage für Entscheidungen nimmt, kann das dazu führen, dass man z. B. in emotional herausfordernden Situationen, bei persönlichen Kränkungen oder in Momenten von Lustlosigkeit und Langeweile seine Entscheidungen immer wieder infrage stellt. Das führt häufig zu ständigem Zweifeln und innerer Unsicherheit. Dies kann für Mitmenschen wie Beliebigkeit aussehen und damit auch Unsicherheit in soziale Systeme bringen. Wenn das in einer Gruppe ohne festen äußeren Rahmen passiert und mehrere Menschen mit dieser subjektiven Fokussierung und Volatilität zusammenkommen, kann sich so eine Gruppe in Windeseile zerlegen.
Die ausschließliche Orientierung an angenehmen subjektiven Erleben kann auch zu geringer Belastbarkeit und wenig Durchhaltevermögen führen und damit das Erreichen von Zielen verunmöglichen. Beispiel: Das Laufen eines Marathons erfordert das Opfer, den eigenen Schweinehund zu überwinden, der einem einredet, dass dies zu anstrengend ist. Wenn die individuelle Orientierung allein auf das innere angenehme Befinden ausgerichtet ist und alle unangenehmen Empfindungen als schlecht bewertet werden, besteht nicht die Möglichkeit, das Opfer zu erbringen, also den Schweinehund zu überwinden um den Marathon zu laufen.
Für das Verfolgen von Zielen mit hohem Wert – wie zum Beispiel dem Aufbau einer Organisation, dem Erlernen von Fähigkeiten, spirituellen Praktiken, der Erziehung von Kindern oder dem Führen guter Beziehungen – sind Opfer und Anstrengung erforderlich. Diese Opfer können diese Menschen jedoch nicht erbringen, da ihnen Belastbarkeit und Durchhaltevermögen fehlen, weil sie sich nur an ihrem subjektiven Wohlbefinden orientieren oder vom eigenen Leiden eingenommen sind. Eigene Leiden auf den höchsten inneren Platz zu stellen, verleiht dem Leiden eine große Macht, wie wir im kommenden Kapitel sehen werden.
Im Gegensatz zu der starken Orientierung an der eigenen Subjektivität steht die Orientierung an den Erwartungen der Mitmenschen sowie unsere Prägung durch unsere Mitmenschen. „Wir sind, was wir sind, durch unsere Beziehung zu anderen.“ (vgl. Schnell 2019: 2) Ein berühmter Satz von George Herbert Mead dem Begründer des symbolischen Interaktionismus. Er unterscheidet zwischen dem „I“ (dem spontanen, kreativen Teil des Selbst) und dem „Me“ (dem Teil des Selbst, der durch die Gesellschaft und die Normen geprägt ist). Die Entwicklung des Selbst erfolgt durch das Zusammenspiel von „I“ und „Me“. Das „Me“ hilft, soziale Rollen zu verstehen, während das „I“ diese hinterfragt und Veränderungen anstößt. Wenn es zu einem Widerspruch zwischen „I“ und „Me“ kommt, kann das zu inneren Spannungen und Zerrissenheit führen.
was der Mensch anbetet: Subjektivität als Götze
Im Menschen gibt es einen Platz für das Höhere, das woran sich der Mensch orientiert, auf das er zustrebt, dem er sich unterwirft, was er offen oder unbewusst anbetet. Frei nach Nietzsche: Gott ist tot, aber der Ort, an dem er gewohnt hat, existiert noch. Auf diesen Platz kann der Mensch alles Mögliche stellen: Wissenschaft, Gott, Liebe, Freiheit, Wahrheit, Ansehen, Verstehen, das eigene ICH, das eigene Leid, Ziele, Besitz, Karriere, andere Menschen, die eigene Religion oder Nation, …
Wenn der Mensch nicht bewusst etwas auf diesen Platz stellt, dann tut er es unbewusst. Viele Menschen stellen ihr eigenes Ich auf diesen Platz. Damit werden alle subjektiven Empfindungen heilig und müssen extrem ernst genommen werden. Der Mensch nimmt sich in diesem Fall zu ernst und zu wichtig. Das hat dramatische Folgen, da ihm zu all seinen Eigenheiten, Verschrobenheiten, Fehlbarkeiten und Leiden Abstand fehlt. Abstand kann aber notwendig Transformation und Veränderung sein, wie der Buddhismus mit seiner Deidentifikationspraxis beweist.
geistige Subjektivität und Krieg der Narrative
Ein weiteres Problem ist das Fehlen eines geistigen Referenzsystems, an dem man sich orientieren kann. Da aus einer subjektiven Perspektive erst einmal alle anderen Perspektiven auch wahr sein könnten, werden die Weltbilder und Glaubenssätze meist von den Menschen und Organisationen übernommen, denen das Individuum am nächsten steht (wobei dies ein Phänomen ist, von dem wohl fast alle Menschen betroffen sind). Hier passiert es nicht selten, dass, wenn ein Mensch eine Partnerschaft, Gruppen oder Organisationen verlässt und sich anderen Menschen und Gruppen zuwendet, sich die Weltbilder stark verändern können – manchmal sogar hin zu sehr gegenteiligen Weltbildern.
In den vielen widerstreitenden Glaubenssystemen und Perspektiven, die heutzutage angeboten werden, gehen Menschen auch verloren. „Was soll und kann ich eigentlich noch glauben, wenn potenziell alles wahr ist?“ Wenn ich mich nur an meinem subjektiven Empfinden und meinen Weltbildern orientiere, kann erst einmal alles andere wahr sein, was nicht gegen mein subjektives Empfinden spricht. Mit dem Medium Internet und den Social-Media-Plattformen hat dies noch einmal eine vielfach potenzierte Dynamik angenommen – Stichwort der umkämpfte Begriff „Fake News“. Wir erleben einen Zusammenbruch der gemeinsam geteilten Narrative, der Geschichten, an die wir glauben. Einige wenige Herrschende haben die Macht über den Algorithmus von Social Media und können damit entscheiden, welche Narrative gepusht und welche ausgebremst werden, wie die “twitter files” bewiesen haben. Dass die Herrschenden in einigen Punkten andere Interessen als wir haben, sollte uns auch klar sein.
Mit KI-generierten Bildern und der daraus resultierenden Möglichkeit, erfundene Geschichten als Realität darzustellen, wird die Frage: „Was ist wahr?“ noch viel schwieriger zu beantworten. Nun kann nicht mehr nur jeder seine subjektive Meinung hinausposaunen, sondern auch Narrative mit gefälschten Bildern, Videos und KI-Bots verbreiten oder andere Narrative angreifen. Ohne dass das Verbreiten von Falschinformationen Konsequenzen hat.
Ein gutes Beispiel ist der Deutungskrieg zwischen dem Westen und Russland. In der alternativen Szene sind viele aus den westlichen Narrativen und der Propaganda ausgestiegen, um dann den russischen Narrativen zu glauben und in die Falle der russischen Propaganda zu geraten.
die Machtdynamik von Täterrollen und Opferrollen: Zwei universelle Bewegungen
Im sozialen Miteinander, sowohl im kleinen als auch im großen Rahmen, kommt es immer wieder zu Machtkämpfen. Häufig manifestieren sich diese auf implizite, also verdeckte Weise; sie können jedoch explizit, also offen, werden, wenn auf der impliziten Ebene keine Befriedung stattfindet. Diese Machtkämpfe können – je nach Moral des sozialen Kontextes – mit unterschiedlichen Bewegungen ausgetragen werden.
Ich unterscheide hier zwischen zwei grundlegenden, unterschiedlichen, aber einander bedingenden Bewegungen: der Täter- und der Opferbewegung.
Die Täterbewegung führt die Auseinandersetzung, indem sie sich in den Mittelpunkt stellt, (Deutungs-)Macht und Kontrolle an sich reißt.
Die Opferbewegung führt die Auseinandersetzung, indem sie den Gegner gezielt als böse darstellt und damit seine Macht und Anwesenheit als untragbar erscheinen lässt. Voraussetzung ist hier eine Öffentlichkeit, die als richtende Instanz hinzugezogen wird.
Diese Bewegungen sind nichts Neues, sondern etwas Universelles. (Nietzsche beschreibt dies mit der Herren- und Sklavenmoral.) Was sich jedoch verändert, ist der moralische Boden der unterschiedlichen Kontexte, der jeweils dem einen oder der anderen Auftrieb gibt.
Die Orientierung hin zu Subjektiven Argumenten stärkt die Opferposition wesentlicht, in der heutigen deutschen Gesellschaft die Opferposition wesentlich mehr Zuspruch als etwa im Deutschland vor 150 Jahren oder im heutigen Afghanistan, wo eine aggressive und meist patriarchale Durchsetzung von Macht als Common Sense gilt.
In der Debatte ist auch eine weitere Position erkennbar. Wenn zum Beispiel auf Demonstrationen nicht die betroffenen Gruppen, sondern Fürsprecher auftreten, kommt die Position des Retters – oder, wie ich sie nenne, des Anwalts – ins Spiel. In dem bekannten Modell des Dramadreiecks wird diese Dynamik gut beschrieben. Der „Anwalt“ macht sich die Position des „Opfers“ zu eigen, um gegen die vermeintlichen „Täter“ vorzugehen. Neben den Situationen, in denen Anwälte gut und sinnvoll sind, kann dies jedoch auch Dynamiken erzeugen, die vom wahren Problem und der Annäherung an Lösungen wegführen.
So kann der Anwalt (wenn er zum Beispiel ideologisch getrieben ist) dem Opfer die Selbstbestimmung rauben und es überhaupt erst in die soziale Opferrolle drängen – und damit andere in die Täterrolle. Zum Beispiel wird jemand, der Angst vor Ausländern hat, zum Täter erklärt und der Ausländer zum Opfer. Der Täter (der Angst vor Ausländern hat) empfindet sich jedoch subjektiv als Opfer – und durch die soziale Brandmarkung nun noch stärker. Er wird daraufhin aggressiver und angreifender, was wiederum als Bestätigung seiner Rolle gedeutet wird.
So dreht sich die Dynamik immer weiter, und die dabei entstehenden Verletzungen verhärten die Fronten. Häufig entstehen Dynamiken, in denen beide Seiten keinen Boden unter die Füße bekommen, da sie in der Struktur dieser drei Rollen feststecken und es um Schuld statt um Lösungen geht. Besonders leicht geschieht dies bei Themen, die kaum und erst recht nicht schnell zu lösen sind. Ich erwähne dies, weil wir alle von dieser Dynamik betroffen sind.
In fast allen politischen Strömungen gibt es Opfererzählungen. Zum Beispiel: „Deutschland wird zerstört / unterdrückt von gewissen Großmächten“ oder „Frauen werden vom Patriarchat unterdrückt“. Dabei lassen sich zwei Ebenen unterscheiden. Erstens jene, auf der es real beobachtbare Probleme existieren. Zweitens die soziale Dynamik, die dadurch ausgelöst wird. Opfererzählungen funktionieren sehr gut und führen häufig zu einer Empörungskultur. Es handelt sich allerdings um eine Lose-lose-Situation, weil es dann in erster Linie nur noch darum geht, wer (mehr) leidet. Das mobilisiert zwar viele Menschen, doch problematisch ist, dass Ansätze, die so arbeiten, sich häufig selbst wieder zerstören. Wenn die Emotionen erst einmal so hochkochen, lassen sie sich nur schwer wieder in sinnvolle und gemäßigte politische Maßnahmen überführen.
Verlust der Institutionenautorität: Eine gesellschaftliche Umwälzung
Im Gegensatz zur Orientierung an der eigenen Subjektivität steht die in der Vergangenheit flächendeckende Orientierung an Institutionen. Was die Partei, die Kirche, die Schule, der öffentliche Rundfunk usw. gesagt haben, galt als wahr und Gesetz. Dies sorgte für Klarheit, Berechenbarkeit und Festigkeit. Ein Hinterfragen der jeweiligen Ideologien war nicht erwünscht – und wehe dem, der bewusst oder unbewusst in den blinden Fleck einer Institution oder Ideologie gestochen hat: Das konnte zum Ruin des individuellen gesellschaftlichen Lebens führen.
Ein Beispiel für die schwindende Orientierung an Institutionen ist der Rückgang der Unterstützung der Eltern gegenüber den lehrenden, wobei es hier nicht um die Frage geht, wie die Institution Schule, die wir aktuell haben, zu bewerten ist. Inzwischen treten Eltern häufig in der Haltung von Anwälten ihrer Kinder gegenüber der Schule auf, während die Institution Schule früher eine deutlich höhere Stellung hatte. Für Lehrer kann diese problematisch werden, wenn die Eltern ihnen gegenüber keine kooperativen Haltung einnehmen können.
Neben den vielen Vorteilen, die eine Abkehr vom Glauben an die universelle Gültigkeit der Aussagen von Institutionen mit sich bringt, führt sie auch zu erheblicher Unsicherheit und Fragmentierung. Zudem sind die in vielen Teilen der Gesellschaft verrufenen Institutionen oft nicht in der Lage, auf diese neue Situation zu reagieren.
Radikaler Konstruktivismus und Sozialkonstruktivismus – „Es gibt keine objektive Realität“
Ohne tiefer darauf einzugehen, möchte ich kurz den radikalen Konstruktivismus ansprechen.
Der radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass Wissen und Realität nicht objektiv existieren, sondern von jedem Individuum aktiv konstruiert werden, basierend auf dessen Wahrnehmungen und Erfahrungen. Im Grunde behauptet er, dass es nur Subjektivität gibt, und stützt sich dabei z.B. auf die Quantenphysik, in der herausgefunden wurde, dass die Beobachtung von Experimenten deren Messergebnisse verändert. Als gedankliches philosophisches Experiment ist diese Haltung interessant und umstritten, im praktischen Leben jedoch in dieser extremen Form unbrauchbar, da sich gewisse objektive Phänomen immer gleich zeigen (z.B. Zustandsveränderungen von Wasser bei entsprechenden Temperaturen). Mitnehmen kann man, dass wir die Realität metaphysisch (also nicht nur auf materieller Ebene) beeinflussen oder gemeinsam wählen können, jedoch nicht herausfinden können, in welchem Maße wir die Realität formen können.
Eine sozialkonstruktivistische Haltung finden wir heutzutage häufig in Wokeness-Debatten. Hier herrscht die Grundhaltung, dass unsere soziale Wirklichkeit sozial geschaffen ist und durch andere soziale Handhabungen (Dialog und die Auseinandersetzung mit anderen) auch veränderbar ist. Im Grunde wird gesagt, dass wir in einer intersubjektiven Wirklichkeit leben, weshalb es keine Objektivität gibt.
Klarheit finden: Wie wir im Chaos gestalten lernen
Nun ist die Büchse der Pandora geöffnet, wir müssen mit den Herausforderungen und der Komplexität, die da kommt, umgehen lernen. Verstehe mich nicht falsch, es hat etwas Wunderschönes, dass sich das subjektive Empfinden und Seelenerleben der Menschen mehr zeigen kann. Es können sich neue Qualitäten wie höhere Feinfühligkeit, neue und alternative Blickwinkel und mehr Liebe in sozialen Systemen manifestieren, wo die Welt und das soziale Miteinander in der Vergangenheit oder in anderen Teilen der Welt zu rau waren und es noch viel mehr um die Sicherung des eigenen Überlebens und der Grundbedürfnisse ging.
Auf gesellschaftlicher Ebene können Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit integriert werden, und es gibt weniger Leid, das durch Ausschluss, wie z. B. Rassismus oder Sexismus, entsteht. Man könnte jedoch fragen, ob sich die Orientierung des Mainstreams nicht einfach nur verschoben hat und jetzt andere (wie z. B. Mainstream-Kritiker oder Verschwörungstheoretiker) unliebsam sind und ausgeschlossen werden.
Viele der Früchte, die aus dem Zulassen subjektiver Empfindungen und Standpunkte potenziell wachsen, können wir wohl aktuell noch nicht ernten, da wir noch zu sehr mit den Problemen und dem Finden eines neuen Gleichgewichts beschäftigt sind.
kein Verfall in die Retroromantik – Wandel gab es auch in der Idealen Vergangenheit
Es ist sicher nicht hilfreich, in eine Retroromantik zu verfallen und der Vergangenheit nachzutrauern. Die Welt hat sich bereits vor 150 Jahren rasant verändert, und die Menschen mussten damals auch lernen, mit neuen sozialen Gegebenheiten umzugehen, die für uns heute so selbstverständlich sind, dass wir sie kaum noch wahrnehmen. Ein Beispiel dafür ist die Verständigung im Verkehr nach dem Aufkommen von Autos. Obwohl die Autos grade mal 16 – 40 Km schnell fuhren, gab viele Unfälle, weil es keine sozialen Vereinbarungen über Verkehrsregeln gab. Ein gemeinsames Verständnis von Symbolen (wie einem Stoppschild) sowie das Vertrauen, dass auch fremde Menschen deren Bedeutung kennen und sich daran halten, musste erst entstehen und kollektiv gelernt werden.
Ähnlich müssen auch wir heute weiterhin individuell und kollektiv lernen und neue soziale Strukturen entwickeln.
im inneren Raum Platz für das Höhere schaffen
Der Innere Platz für das Höhere sollte dem Höheren und Größeren vorbehalten sein. Reflektiere immer wieder, an welchen Stellen du dich selbst zu wichtig nimmst, aber auch, wo du dich zu wenig wertschätzt. Stelle nicht nur die Frage, was du für dich tun möchtest und was deiner Selbstverwirklichung entspricht, sondern frage auch, wie du einen sinnvollen Beitrag für die Welt und andere Menschen leisten kannst, der wirklich einen positiven Unterschied macht. Bringe beides zusammen. Was sind deine Werte und wie kannst du deine Werte leben und in die Welt tragen? Gibt es eine spirituelle Kraft in deinem Leben, mit der du in Beziehung gehen kannst?
Universelle Werte durchbrechen die Trennung und Fragmentierung
Wenn man die universellen Werte als reale spirituelle Kräfte begreift und an den inneren Platz für das Höhere stellt, führt das dazu, dass man sich wieder universellen Wahrheiten und Kräften unterordnet. Wie wäre es, wenn du den universellen Pool der Liebe, der Wahrheit oder des Schönen an diesen Platz in dir stellst? Es öffnen sich Räume, die unendlich viel größer sind als wir, in denen wir Platz für wahre Individualität schaffen. Die Kräfte sind so universell, dass du darin gänzlich auftauchen kannst und zugleich eine geteilte Perspektive möglich ist. Diese Räume bieten so viel mehr Platz als die alten Ideologien.
– Geteilte universelle Werte verbinden die Räume von Subjektivität, Objektivität und Intersubjektivität.
– Der erste Schritt in der Selbstfindung ist ein Abwenden von den äußeren Vorgaben, der zweite ein Zuwenden zum subjektiven Inneren. Die ausschließliche Orientierung am Inneren wie am Äußeren ist unzureichend. Wenn im dritten Schritt ein Anknüpfen an die universellen Werte geschieht, vereint man die zuvor getrennten Räume von innen und außen. Dies führt dazu, dass man in eine Kohärenz kommt zwischen dem inneren Erleben und seinem Platz in der Welt. Dies ist die Grundlage für den vierten Schritt, andere Menschen und Wesen zu beschenken.
stabile Identität und klare Orientierung
Eine stabile Identität und klare Orientierung sind die Grundlagen, um psychische oder Beziehungskrisen zu meistern. Hier kommt die Innenarbeit ins Spiel. Die ausschließliche Orientierung an der eigenen Subjektivität zu durchbrechen und eine bewusste Orientierung an mehreren Perspektiven (u.a eine Perspektive von anderen) ist ein wesentlicher Schritt in der eigenen Entwicklung. Dazu sind Perspektiven von außen sowie Begleitung an Stellen, die alleine nur schwer zu erreichen sind, extrem wertvoll. Ehrliche und tiefe Gespräche mit Freunden und die Bitte um Feedback aus dem Umfeld können sehr hilfreich sein. In gewissen Situationen braucht es die kompetente Begleitung im Coaching, die lebensverändernd sein kann. Hier kann ich uns unser Coaching-Angebot für die Entwicklung einer stabilen Identität und klaren Orientierung empfehlen.
gemeinsame Erzählungen: der Boden für ein resiliente Gesellschaft
Wir brauchen neue kollektive Strukturen und Prozesse, die uns ermöglichen, zu einer geteilten Sicht der Dinge zu kommen, die mehr beinhaltet als die Orientierung an Einzelnen oder Ideologien. Der Einzelne ist anfällig für die Manipulation von außen, von den Herrschenden, die mit ihrer Macht immer subtiler dein Leben beeinflussen können. Es braucht gemeinsam geteilte Erzählungen, die ineinandergreifen, sich sogar widersprechen und damit der Komplexität und den Paradoxien, in denen wir leben, Rechnung tragen.
Die Philosophische Antwort auf die Falle des Konstruktivismus
Ja, es gibt keine rein objektive Realität und damit auch nicht die eine Wahrheit. Dass jeder nur seine Wahrheit hat stimmt aber auch nicht. Sowohl das eine als auch das andere zu glauben, lässt einen in einer Illusion leben. Es gibt objektive, unveränderliche Wahrheiten, zum Beispiel: Ein Diamant wird immer Glas schneiden, egal ob ich oder sogar alle Menschen in Deutschland glauben, es wäre anders. Es gibt subjektives Erleben, diese verändert die Realität zum Beispiel: Suggestion oder der Placebo-Effekt verändern den Körper, wenn an die gesetzten Suggestionen geglaubt wird.
Wo ist denn die Realität und wie können wir uns der ihr annähern?
Die Realität findet zwischen dem Subjektiven, dem Intersubjektiven und dem Objektiven statt. Sie zu begreifen, ist ein Akt der Annäherung, in dem verschiedene Perspektiven zusammengesetzt werden müssen. Das kann anstrengend sein, kostet Zeit und Energie es setzt ein gewisses Abstraktionsvermögen sowie eine forschende Haltung voraus. Wenn du das aufbringst, dann kannst du dich mit einer Beschreibung und Interpretation der Realität annähern. Wenn du das gerade nicht hast, hilft es im Hinterkopf zu behalten dass dein Bild möglicherweise unvollständig und damit eine Projektion ist.
Beziehungsgräben überwinden – Ein neues Miteinander finden
Frage dich in Konflikten und Auseinandersetzungen: Bin ich Teil der Lösung oder Teil des Problems? Wo könnten meine blinden Flecken sein und was kann ich tun, um zu einer Verbesserung beizutragen?
Lass dich auf andere Standpunkte ein, um den anderen empathisch und geistig verstehen zu können, auch wenn sie nicht deinem subjektiven Empfinden entsprechen. Den anderen zu verstehen bedeutet nicht, zu den gleichen Schlüssen wie er zu kommen; es nimmt aber die Trennung, und damit öffnen sich Türen, wo vorher keine waren.
Was sind deine Gedanken und Erfahrungen zu dem Thema? Was hat der Artikel in dir angestoßen? Lass es mich gerne über die Kommentare wissen.




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